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Zum Ende der Seite springen Österreich: Der Stock im Eisen
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nebelwandler nebelwandler ist männlich
Waldschrat



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Österreich: Der Stock im Eisen Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

I.

Das eigentliche und älteste Wahrzeichen Wiens, von dem mehr als eine Sage erzählt wird, ist der sogenannte Stock im Eisen, an dem Hause gleiches Namens, nicht weit von St. Stephans Münster.
Ein armer Schlosserlehrling entwandte seinem Meister einen überaus künstlichen Nagel, welcher bei dem Bau eines Jagdschlosses Herzog Leopold des Heiligen verwendet werden sollte, das im Wiener-Walde errichtet wurde. Bei der Heimkehr verirrte er sich in das Walddickicht.

Im Walde stand ein besonderer Baum, zu dem der Verirrte immer wieder gelangte, so daß er endlich ganz erschöpft und weinend unter diesen Baum auf das weiche Moos sank, und da wurde er inne, daß er sich eines großen Fehlers schuldig gemacht durch den Diebstahl, schämte sich aber doch, sein Verbrechen einzugestehen, wollte jedoch auch den Nagel nicht behalten und schlug ihn in den Baum.

Und wie er den Nagel in den Baum geschlagen hatte, so stand der böse Feind neben ihm, und sprach: »Den gestohlenen Nagel kannst Du wohl einschlagen; könntest Du aber einen solchen Nagel und ein Schloß machen, das diesen Baum vor Axt und Säge schützte, so wäre Dir geholfen.«
Der Junge erschrak zwar sehr, doch faßte er einen frischen Muth und sprach: »Ich habe deß wohl Lust und Muth, solch Schloß fertigen zu lernen, so Ihr mir's lehren wollt und könnt.«
Der Teufel sagte: »Topp!« und hieß den Jungen mit sich gehen, der nun einen Bund mit ihm machte und von ihm Lehre und Unterweisung erhielt, so künstliche Schlösser zu verfertigen, wie Niemand in der Welt.

Diese Schlösser vermochte kein anderer Schlossermeister zu öffnen, und so verdiente der junge Meister viel Gut und Geld und wurde ein reicher und angesehener Mann. Neben jenem Nagel schlug er einen ganz gleichen ein, zum Zeichen, daß er seinem Meister gleich sey an Kunstfertigkeit, und umgab den Baum, dessen obern Theil er absägte, so daß nur noch ein Stock dastand, mit einem starken Eisenringe, hing auch ein Schloß daran, welches kein Mensch zu öffnen vermochte, und lebte herrlich und in Freuden.

Endlich so kam die Zeit, daß der Pact um war, den der Schlosser mit dem Bösen geschlossen, und dieser gedachte ihn zu holen. Jedoch der Schlosser hatte längst bereut, sich mit dem Feinde eingelassen zu haben, und ging jeden Morgen in die Kirche, eine Messe zu hören. Die Kraft der Messe aber schützte den Frommen je vierundzwanzig Stunden lang, das wußte er gar wohl, und deshalb hörte er sie täglich, und der Böse, der auf ihn lauerte, konnte ihm nichts anhaben. Eines Tages ging er in einen Keller auf St. Peters Platze, allda vor Anfang der Kirche ein Glas Wein zum Morgenimbiß zu trinken, und verspätete sich in etwas. Als er endlich doch zur Kirche schritt, begegnete ihm ein altes Weib, das rief ihm zu: »Zu spät! zu spät! Die heilige Messe ist schon gelesen!« Da ließ sich der Schlosser bethören und kehrte um, und ging wieder in den Keller, noch ein Glas Wein zu trinken; kaum aber setzte er den Becher an die Lippen, so trat das alte Weib von vorhin, das Niemand anders, als der Teufel war, auch herein, faßte und würgte ihn, drehte ihm den Hals um und hing ihn an die Wand an einen Haken.

Nach der Hand kamen gar viele geschickte Schlosser und probirten, das Schloß zu öffnen, doch vergebens, und als später Wien sich immer mehr anbaute und vergrößerte, ließ man den Stock im Eisen zum Wahrzeichen stehen, daß bis in diese Gegend sich der Wiener-Wald vor Zeiten erstreckt, und jeder wandernde Schlossergesell schlug einen Nagel hinein, so daß er voller Nägel wurde.



II.

Als der Stock mit den wunderkünstlichen Nägeln schon lange stand und ihn um und um die Stadt Wien umgab, da ließ der hochweise Rath gemeiner Stadt an sein Eisenband ein gar künstlich Schloß machen und anlegen. Dieses Schloß verfertigte ein fremder Geselle, der von weiter Ferne hergekommen war, so weit, daß Niemand recht eigentlich wußte, wo dessen Heimath sey. Wie nun das Schloß am Stocke hing, so fragte der Stadtrath nach dem Preise für die schöne und künstliche Arbeit. Da forderte der Gesell einen gar hohen und schier unerschwinglichen Lohn. Deß erschraken der Rath und die Stadtältesten und weigerten dem Gesellen die Zahlung.

Darauf ergriff dieser sofort den Schlüssel, schleuderte ihn mit einem Fluche hoch in die Luft und hub sich von dannen. Der Schlüssel soll heute noch herunterfallen. Nun schrieb der Rath einen hohen Preis aus für Den, welcher im Stande sey, das Schloß zu öffnen und einen dazu passenden Schlüssel anzufertigen. Viele Schlosser wollten den Preis gewinnen, fertigten Schlüssel auf Schlüssel, aber es begab sich, daß jedesmal, so oft einer den Schlüssel in die Esse brachte, eine unsichtbare Hand den Bart umdrehte, so daß er nicht schließen konnte. Dieß that der Böse, der, und kein Anderer, damals der Geselle und Verfertiger des Schlosses gewesen war, den Stadtrath und die Schlosser zu äffen.

Nun war bei einem Schlossermeister ein pfiffiger und listenreicher Lehrbub, der simulirte bei sich selbst, wie es wohl anzufangen sey, einen Schlüssel zum Schloß und den Preis dazu zu gewinnen, und fand richtig das Mittel. Er verfertigte in der Feierabendzeit, als Meister und Gesellen die Werkstatt verlassen hatten, in aller Stille einen Schlüssel, setzte den Bart mit dem Loth verkehrt an, brachte ihn in die Kohlen und zog den Blasebalg, daß rings die hellen Funken wie knisternde Blitze durch die Schmiede sprühten. Der immer lauernde Böse war gleich unsichtbar zur Hand, drehte den Bart des Schlüssels um, und – war betrogen, denn nun paßte der Schlüssel. Der Lehrbub empfing Lobsprüche über Lobsprüche, empfing den Preis, den der Magistrat ausgesetzt, ward gleich zum Gesellen und bald darauf zum Meister gesprochen und heirathete des Meisters sittsames und bildschönes Töchterlein, das er schon geraume Zeit heimlich liebte.

Zwar ist in späterer Zeit der Schlüssel wieder abhanden gekommen, aber der Stock im Eisen steht immer noch in der Nische eines Hauses an dem Platze, da er vor Alters stand, und der seinen Namen »Am Stock im Eisen« führt. Jeder wandernde Schlossergeselle, der nach Wien kam, schlug einen Nagel in den Stock, dem dummen Teufel zum Hohn, und davon hat der Stock ordentlich eine eiserne Rinde bekommen, so daß er mit vollem Rechte den Namen: Stock im Eisen führt.



III.

O, lieber Stock im Eisen,
Du warst ein Baum zumal,
Mit Blättern und mit Zweigen
Im grünen Gartenthal.

Der Städter wohnt im Frieden
In hoher Häuser Pracht,
Seit dich hier anzuschmieden
Der Schlosser war bedacht.

Gleich einem müden Greisen
Was lehnst du am Gestein?
O, lieber Stock im Eisen,
Wo sind die Zweige dein?

Es scheint der Mond herunter,
Der Stern auf Wolken hängt;
Die Nachtgespenster munter,
Der Mensch in Schlaf versenkt.

Die Eule weint, die Eiche
Hoch in den Winden saust,
Der Schlosser naht zum Streiche,
Die Axt in schwerer Faust.

Er leget an die Zweige
Die Axt rothglühend an, –
Da weint der Stock im Eisen;
Was hat man dir gethan?

»Herr Gott! auf meinen Zweigen
Der Vogel dich lobprieß!«
Der Schlosser heißt ihm schweigen
Und macht ihm ein Gebiß.

Der Schlosser liegt im Flaume,
Vom schweren Handwerk müd'.
Die Seele von dem Baume
Durch's Eisen glänzt und glüht.

In schauerlichen Weisen
Der Adler oben schreit:
»Macht flink aus Holz und Eisen
Ein'n Sarg, ihr Zimmerleut'!«

Und die vorüber reisen,
Viel Nägel schlagen ein;
O, lieber Stock im Eisen,
Das ist die Rinde dein.

Es schau'n den Stock im Traume
Die kleinen Junker an; –
Wer zog, wer zog dem Baume
Die schwarze Rüstung an? –


(Ludwig Bechstein, I, II, III)



Wikipedia: Stock-im-Eisen (Wien)
25.09.2017 18:20 nebelwandler ist offline Beiträge von nebelwandler suchen Nehmen Sie nebelwandler in Ihre Freundesliste auf
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