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Zum Ende der Seite springen Die fliegenden Knaben
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nebelwandler nebelwandler ist männlich
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Die fliegenden Knaben Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Die fliegenden Knaben

Es war am Ende des siebzehnten Jahrhunderts, als an einem Spätherbsttage drei muntere Knaben ohnweit des Städtchens Lengsfeld und zwischen diesem und dem Baier auf immergrüner Waldwiese eine Anzahl Rinder weideten.

Kaum war die Sonne gesunken, die noch ihre letzten goldnen Strahlen auf den hohen nachbarlichen Berg warf, so fachten die Knaben nach ihrer Weise ein Feuer an und stachen Rasen ab, um sich eine Bank zu bauen, auf welcher sie vertraulich und sich am Feuer wärmend sitzen wollten. Wie es nun oft zu geschehen pflegt, daß heitre unbedachte Jugend in lächerliche Wünsche ausbricht, deren Erfüllung schier unmöglich dünkt, so auch hier. Einer sprach: Wäre nur dieses Stück Rasen ein Stück Eisenkuchen!

Kaum war dieser Wunsch laut geworden, so trat schon ein unbekannter Mann auf die Trift, begrüßte die jungen Hirten und sprach: Hört, ihr habt Eisenkuchen gewünscht! Hier habt ihr solche, laßt sie euch schmecken! – Und teilte Eisenkuchen unter sie aus. Freudig und begierig ward die Spende angenommen und verzehrt, und der Mann erbot sich, sie täglich mit solchen Kuchen zu erfreuen, wenn er nur wüßte, auf welchem Hutplatz sie immer anzutreffen wären.

Die Knaben nannten den Platz, wo sie am nächsten Tage hüten würden, und der Unbekannte hielt sein Wort und brachte das für die Knaben so leckere Mahl am nächsten Abend ihnen wieder. Als das verzehrt und der Mann hinweggegangen war, trat eine alte Frau aus Lengsfeld den Knaben nahe und bat sie, doch einmal mit ihr zu dem nahen Talbrunnen zu gehen, sie wollte ihnen dort etwas zeigen. Die Knaben willfahrten ihr, wurden aber nichts gewahr, als daß die Alte sie mit dem Wasser des Brunnens besprengte und unverständliche Worte dazu murmelte, weshalb sie ihr bald entliefen und mit Gelächter zu ihrer kleinen Herde zurückkehrten und diese wohlgemut nach Hause trieben.

Am dritten Tag trafen sich die Knaben frühmorgens auf dem Weg zur Schule, grüßten sich munter, und der eine sprach zu dem andern: Höre, ich fühle mich heute so federleicht, daß ich meine, ich müßte fliegen können, wie ein Vogel! – Ich auch, ich auch! riefen die beiden andern, und da hoben alle drei die Arme empor und flogen. Sie flogen auf die kleine runde Mauer, die den Marktplatz umzog, und über dieser gegenseitig hin und her, zum größten Erstaunen aller ihrer indes sich zahlreich versammelnden Schulkameraden.

Die Kunde dieses wunderbaren Ereignisses durchdrang mit Blitzesschnelle das Städtchen und kam auch zuletzt zu den Ohren des Kantors, der nach beendigter Schulstunde die drei Knaben aufrief, ihre Kunst auch in der geräumigen Schulstube zu üben. Sie traten auf den Tisch und flatterten von ihm herab und schwebten auf und nieder. Den Kantor überfällt ein Grausen, und er entsendet eilig einen Boten zum Oberpfarrer und Inspektor und läßt den geistlichen Hirten bitten, zur Schule sich zu bemühen und selbst Zeuge eines nie erhörten Wunders zu sein.

Der Geistliche kommt und staunt und nimmt die Knaben scharf in das Verhör, denn er wittert Satans Trug und Tücke. Diese erzählen treuherzig alles, was sich mit ihnen begeben, und fügen noch dieses hinzu: In der vergangenen Nacht machten wir uns den Spaß und setzten uns zu dritt auf einen Schimmel, der in unsers Nachbars Scheuer stand. Kaum spürte uns das Pferd, so setzte sich's gegen unsern Willen in Trab und brachte uns an einen Ort, allwo es uns sehr wohl gefiel; dann brachte es uns wieder nach Hause, und darauf fühlten wir uns so leicht. – Der Oberpfarrer ging bestürzt hinweg, um dem Gerichte Anzeige zu tun, damit dieses sich der sicherlich Behexten bemächtige und ihnen den Prozeß mache, denn fliegen zu können schien ihm ein arges Verbrechen.

Mittlerweile kamen die Knaben arg- und sorglos und ihrer Fliegekraft froh nach Hause, den Ihrigen das Wunder selbst zu verkündigen oder zu bestätigen. Der Vater des einen Knaben war der Scharfrichter, hieß Michael Weber, erzürnte sich sehr über die Kunde, die er schon vernommen, glaubte, sein Kind sei ein Teufelsbündner, und beschloß, den Sohn zu opfern. Daher schwang er, als dieser vor ihn trat, das Richtschwert und schlug ihm das Haupt ab. Zwei weiße Ströme Milch sprangen statt des Blutes zur Decke, und dem Scharfrichter entsank das Schwert.

Die zwei andern fliegenden Knaben, als sie das gesehen, hoben sich auf und davon, und niemand hat sie jemals wieder erblickt, und so kam keine Aufklärung über den tiefrätselhaften Vorfall zutage. Er ward vergessen, verklang zur Sage, und nur der Brunnen, wo das alte Weib die Knaben besprengt, heißt von jener Zeit an der Hexenbrunnen.


(Ludwig Bechstein)



Die fliegenden Knaben in Lengsfeld

„An dem nach Dietlas sich hinziehenden Ausläufer des Beyer,“ so erzählt der 83jährige Häusler Hermann von der Aue auf Hohenwart, „weideten an einem schönen Herbstabend auf einer Waldblöße bei der Wustung Waldsachsen drei Knaben aus Lengsfeld ihre kleine Rinderherde. Als die Sonne nur noch den hohen Gipfel des Beyer beleuchtete, gedachten die Knaben, ein Feuer anzuzünden, und stachen zu diesem Zwecke den Rasen aus. Bei dieser Gelegenheit äußerte einer der Knaben: „„Ach, wenn wir doch nur ein solches Stück Eisenkuchen hätten, wie die Rasen da.““

Kaum war der Wunsch ausgesprochen, so trat ein fremder Mann zu den Knaben und sprach: „„Ihr habt Eisenkuchen gewollt, da habt ihr ihn!““ und gierig griffen die Kinder zu und verzehrten die leckere Gabe mit Wohlbehagen. Als der Fremde das sah, erbot er sich, ihnen jeden Abend solchen Eisenkuchen zu bringen, wenn sie ihm nur jedesmal den Hutplatz für den andern Tag sagten. Die Kinder thaten das gerne, und der Unbekannte erschien auch am nächsten Abend und brachte ihnen wieder Kuchen, worauf er wie tags zuvor in dem nahen Gebüsch verschwand.

Kaum hatten sie den Kuchen verzehrt, so trat eine alte Frau aus Lengsfeld, die in der Nähe dort in der Erde gekrabbelt hatte, zu ihnen und versprach, ihnen allerlei Kunststückchen zu lehren, wenn sie ihr nur bis zu dem unter der „„Liete““ im Thal gelegenen Brunnen folgen wollten. Sie thaten es, und die Alte taufte sie mit dem Wasser des Borns, während sie eine Reihe unverständlicher Worte dazu murmelte und ihnen darauf erklärte, daß sie von nun an allerlei Ungeziefer machen könnten.

Lachend kehrten die Kleinen zu ihrer Herde zurück und trieben sie nach Hause. Am andern Morgen, als sich die Knaben auf dem Schulwege begegneten, sagte der eine: „„Hört, ich fühle mich so federleicht, daß ich meine, ich müßte fliegen können, als wie ein Vogel!““ „„Ich auch, ich auch!““ riefen die beiden andern, und alsbald hoben alle drei die Arme empor und flogen auf der kleinen runden Mauer, die ehedem den Marktplatz von Lengsfeld umzog, hin und her.

Auch in der Schule bewährten sie noch vor Ankunft des Lehrers ihre Kunst und machten auf Ersuchen ihrer Kameraden die ganze Schulstube voll Mäuse. Und als der Kantor, der bereits von dem Fliegen unterrichtet worden war, eintrat und die Knaben aufforderte, das Kunststück noch einmal zu wiederholen, flatterten sie auf und schwebten auf und nieder von einer Tafel zur andern.
Der erschrockene Kantor holt sofort den Oberpfarrer herbei, der sich denn auch von dem Vorgefallenen mit eignen Augen überzeugt und die Knaben zur Rede setzt.

Diese beichten arglos und offen den ganzen Hergang und teilen dem geistlichen Herrn auch noch mit, daß sie am vorigen Abend sich zu dritt auf den in ihres Nachbars Scheune stehenden Schimmel gesetzt hätten; das Pferd hätte sich alsbald losgerissen und wäre gegen ihren Willen mit ihnen auf und davon getrabt und hätte sie zuletzt an einen Ort gebracht, wo es ihnen gar gut gefallen; und nachdem sie mit dem Schimmel wieder nach Hause gekommen wären, hätten sie sich so leicht gefühlt.

Der Geistliche, welcher Satans Hand vermutete, frug die Knaben weiter, ob sie auch Ungeziefer machen könnten. Sie bejahten es, und im Nu wimmelte das Kleid des Oberpfarrers von Läusen. Voll Entsetzen eilte der Herr zum Richter und meldete den Vorfall.

Mittlerweile waren die Knaben nach Hause gekommen, um den Ihrigen das Wunder, von dem dieselben bereits gehört hatten, zu bestätigen. Als aber Georg Friedrich, des Scharfrichters Michel Webers Sohn, diesem die Sache mitteilte, entsetzte sich derselbe so sehr, daß er sein Richtschwert ergriff und dem Teufelsbündner den Kopf abschlug. Darauf grub er seinem Kinde ein tiefes Grab in dem Stalle und bedeckte es mit schweren Steinen.

Die beiden andern Knaben, als sie solches vernahmen, flogen auf und davon, und niemand hat je wieder von ihnen gehört. – Jener Brunnen aber unter der „„Liete““ heißt bis auf den heutigen Tag der „„Hexenbrunnen““.


(Christian Ludwig Wucke)
01.02.2018 22:30 nebelwandler ist offline Beiträge von nebelwandler suchen Nehmen Sie nebelwandler in Ihre Freundesliste auf
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